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Wilhelm Oberhaus
Wilhelm Oberhaus
 
 
 
 

Ein Wort voraus

Am 20. September 1942 starb im Konzentrationslager Dachau der aus Herford stammende Vikar Wilhelm Oberhaus. Sein 45. Todestag war der Anlaß, daß am Freitag, dem 18. September 1987, die Städtische Katholische Grundschule am Wilhelmsplatz in "Wilhelm-Oberhaus-Schule" umbenannt wurde. Wir danken dem Rat der Stadt Herford, daß er diesen Beschluß gefaßt hat. 

Wir danken vor allem auch dem aus Herford stammenden und in Berlin wirkenden evangelischen Pfarrer Wilfried Heidemann, der im März vergangenen Jahres in einem Schreiben an den Rat der Stadt als erster den Antrag auf diese Namensgebung stellte und ihn dabei eingehend begründete. 

Die Kath. Pfarrgemeinde St. Johannes-Baptist in Herford hatte besonderen Grund, diesem Antrag freudig zuzustimmen, da die Familie Oberhaus in dieser Pfarrgemeinde gewohnt hat und ihr Sohn Wilhelm in dieser Gemeinde geboren wurde und aufgewachsen ist. 

Als besonderen Beitrag zu diesem Ereignis der Namensgebung hat unsere Pfarrgemeinde sich zur Herausgabe dieser jetzt vorliegenden Gedenkschrift mit dem Titel "Wilhelm Oberhaus - Symbol einer Zeit" entschlossen. 

Herr Erich Kaufhold, ein Freund von Wilhelm Oberhaus, hat dazu mit großem Fleiß eine umfangreiche Dokumentation gesammelt, Herr Pfarrer i. R. Ludwig Jüngst hat unter Verwendung dieses Materials den Text der Gedenkschrift und die Fotos zusammengestellt; die künstlerische Umschlaggestaltung verdanken wir der Künstlerin Ingrid Mertens; die Gesamtherstellung besorgte die Firma Busse-Druck, Herford. 

Wir hoffen, daß unsere Gedenkschrift bei vielen Herfordern Anklang und Zustimmung findet. Herford, am 20. September 1987 

Kath. Pfarrgemeinde St. Johannes-Baptist

gez. Udo Tielking, Pfarrer 


"Selig, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden, denn ihnen gehört das Himmelreich." Mt. 5, 10


Wilhelm Oberhaus

Ein Lebensbild 

Wilhelm Oberhaus war ein Sohn der Stadt Herford und unserer kath. Pfarrgemeinde St. Johannes-Baptist. 

In Herford wurde er am 31. Januar 1902 als Sohn des Fabrikanten Eduard Oberhaus und dessen Gattin Friederike, geborene Honkamp, geboren. Sein Geburts- und Elternhaus steht in der Veilchenstraße Nr. 12. Elternhaus von W. Oberhaus

In seiner Pfarrkirche empfing er am 4. Februar 1902 die hl. Taufe, im Jahre 1914 die hl. Erstkommunion und 1915 die hl. Firmung. Wilhelm war das älteste Kind der Familie; seine Zwillingsschwester Agnes starb schon nach vier Monaten. Dann kam am 17. Juli 1903 seine Schwester Elfriede zur Welt. Nach der Priesterweihe ihres Bruders wurde sie dessen Lebensbegleiterin und Haushälterin. Tapfer und treu hat sie mit ihm und für ihn alle Stationen des Glückes und des Leides durchgestanden. Sie starb als letzte der Familie am 9. April 1982. Sein Bruder Paul wurde 1907 geboren. Er starb, 35 Jahre alt, am 26. Mai 1942, vier Monate vor seinem Bruder Wilhelm. 

Sehr früh schon hatte die Familie Oberhaus die Mutter verloren. Sie starb 1911 im Alter von erst 35 Jahren. So wurde der Vater in dieser schweren Zeit zweier Kriege und der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft Mittelpunkt der Familie. In unerschüttertem Gottvertrauen trug er alle schweren Schicksalsschläge, besonders auch das Leiden und den Tod seines Sohnes Wilhelm, dem er, nur ein Jahr nach dessen Tode im KZ, am 12. September 1943, im Alter von 74 Jahren in die Ewigkeit nachfolgte. 

Wilhelm Oberhaus besuchte zunächst die Katholische Grundschule an der Komturstraße in Herford, dann die damalige Realschule am Münsterkirchplatz - die sich später zum Ravensberger Gymnasium entwickelte -, kam zur Oberrealschule nach Bielefeld, wurde 1921 in das Bischöfliche Knabenseminar in Heiligenstadt aufgenommen und machte dort 1927 sein Abitur. 

Sein Entschluss stand fest, schon seit ein paar Jahren: er wollte Priester werden. Noch im gleichen Jahr begann er sein Studium an der Theologischen Hochschule in Paderborn, besuchte zwischenzeitlich im Jahr 1929 die Universitäten in Freiburg und in Graz, vollendete sein Studium
in Paderborn und wurde dort im Hohen Dom am 1. April 1933 zum Priester geweiht. Am Osterfest dieses Jahres, am 17. April, feierte er in seiner Heimatpfarrkirche in Herford seine Primiz. 

Erster Konflikt mit dem Nazi-Regime 

Nun begann ein priesterliches Leben und Wirken, das von Anfang an von der gottes- und menschenfeindlichen Weltanschauung des Nationalsozialismus, der ja im gleichen Jahr 1933 in Deutschland zur Macht kam, überschattet wurde. Nach kurzzeitigen Vertretungen in Würzen und Aue (beide in der Diözese Meißen gelegen) kam er am 1. September 1933 als Vikar nach Dortmund-Hombruch. Als Hauptbetätigungsfeld in der Seelsorge übernahm er die Jugendarbeit, in der er schon seit seiner Jugendzeit in Herford aktiv tätig war, und den Religionsunterricht in den Schulen. 

Seine Beurteilung der nationalsozialistischen Lehre und Handlungsweise war klar und entschieden. Als Christ, als Priester musste er sie innerlich ablehnen. 

So blieb es nicht aus, dass es schon nach zwei Jahren, 1935, zu einem ersten Zusammenstoß mit dem Nazi-Regime kam. Vikar Oberhaus hatte sich gegen Übergriffe einer städtischen Verwaltungsstelle verwahrt. Es kam zu einem Verfahren gegen ihn wegen "Beleidigung des Leiters der Staatspolizeistelle Dortmund", das noch günstig verlief: es endete mit einer "Verwarnung". 

Prozess und Verurteilung am 7. Februar 1936 

Die Deutschen Bischöfe hatten Sonntag, den 4. Mai 1935, zum "Erziehungs- und Schulsonntag" bestimmt und dazu am 17. April 1935 einen Hirtenbrief geschrieben. Dieser sollte in den Gottesdiensten verlesen werden, um im Anschluss daran aktuelle Fragen der Jugenderziehung zu behandeln. Die Sprache in diesem Hirtenbrief war deutlich. So wurde u. a. gesagt, dass zur christlichen Erziehung der Kinder in erster Linie das christliche Elternhaus und die konfessionelle Schule berufen seien und daß außerhalb der Schule für die Erziehung und Bildung der Zusammenschluss in den katholischen Bünden von Bedeutung sei. In diesem Zusammenhang wiesen die Bischöfe dann darauf hin, daß das sog. "Landjahr" große Sorge bereite, weil dort im entscheidenden Entwicklungsalter die Erziehung ohne Einfluss der erziehungsberechtigten Eltern und ohne religiöse Betreuung geschehe. 

Bei der Grundeinstellung von Vikar Oberhaus und seiner Sorge um die Kinder und Jugendlichen konnte es nicht ausbleiben, dass seine Predigt am 4. Mai 1935 in der St. Clemenskirche in Dortmund-Hombruch, nach Verlesung des Hirtenbriefes, zu einer kraftvollen Verteidigung der kirchlichen Grundsätze in Erziehungsfragen, zu einer Verteidigung der kirchlichen Jugendarbeit in Gruppen und Verbänden, zu einem flammenden Appell an die Gewissensentscheidungen seiner zahlreichen Zuhörer wurde. 

Es fehlten im Kirchenraum nicht die argwöhnischen und voreingenommenen Spitzel, die dann seine Predigt als heimtückischen Angriff gegen den Staat bezeichneten und Anzeige erstatteten. Unter anderem, so gaben diese Spitzel zu Protokoll, habe der Vikar ausgerufen: "Wer gut katholisch sein will, der muß wissen, wohin er seine Kinder zu schicken hat!" 

Am 7. Februar 1936 stand Wilhelm Oberhaus vor dem Landgericht in Dortmund, angeklagt wegen eines "Vergehens gegen § 2 des Heimtückegesetzes". 

Der Ankläger warf ihm vor: "Seine Ausführungen (bei der Predigt am 4. Mai 1935) verfolgten die hetzerische und aus Gehässigkeit entsprungene Absicht, die Kinder von dem Eintritt in die vom Staat geschaffenen Einrichtungen der Hitlerjugend und des Landjahrs abzuhalten" ... Sie seien also "gehässige und hetzerische Äußerungen über Anordnungen und Einrichtungen leitender Persönlichkeiten des Staates und der NSDAP". Vikar Oberhaus verteidigte sich furchtlos und mit Bravour. Aber das Gericht erklärte ihn für schuldig und verurteilte ihn zu einer Gefängnisstrafe von drei Monaten. 

Versetzung als Pfarrvikar nach Bockwitz 

Seine Verurteilung bedeutete zugleich auch das Ende seiner Vikarszeit in Dortmund-Hombruch. Nach Verbüßung der Strafe wurde Vikar Oberhaus am 6. Oktober 1938 als Pfarrvikar nach Bockwitz bei Liebenwerda in Sachsen versetzt. Bis Februar 1941 tritt er aktenkundig nicht mehr in Erscheinung. Er tat seinen priesterlichen Dienst in der räumlich sehr ausgedehnten Diasporagemeinde, auch hier besonders engagiert in der Jugendseelsorge und der Glaubensverkündigung im Religionsunterricht. Hier in Bockwitz kam es dann zu jenem Zwischenfall, der dem kirchenfeindlichen Nazi-Regime zum willkommenen Anlass diente, einen verhassten Vorkämpfer für Recht und Freiheit im Konzentrationslager Dachau unschädlich zu machen. 

Prozess und Verurteilung am 29. Mai 1941 

Es bedurfte in jener Zeit nicht einer spektakulären, weithin sichtbaren Auflehnung gegen das Nazi-Regime, um als Gegner der braunen Machthaber ausgemacht zu werden. Es genügte ein einziges Wort der Kritik, oder auch nur eine kleine, unkontrollierte Geste, um als Gegner des Regimes gekennzeichnet zu werden. Diese Geste war eine Ohrfeige, die Vikar Oberhaus am 13. Februar 1941 einem 13jährigen Hitlermädchen seiner Gemeinde verabreichte. Der Tatbestand: Das Mädchen hatte den pflichtmäßigen, auch staatlich genehmigten Religionsunterricht geschwänzt und nahm stattdessen an einer BDM (Bund Deutscher Mädchen) - Veranstaltung teil, die im gleichen Schulgebäude stattfand. Der Vikar veranlasste, dass das Mädchen aus der BDM-Veranstaltung in seinen Religionsunterricht überwechseln musste. Als es dann, nach längerer Verzögerung, kam, und er das Mädchen nach dem Grund für sein Fernbleiben vom Religionsunterricht fragte, bekam er eine so dreiste und ehrenrührige Antwort, dass er ihm eine Ohrfeige gab. 

War diese Ohrfeige ein letzter Versuch, jemanden, den man in eine falsche Richtung laufen sieht, zurückzuhalten, weil das Wort bei diesem jungen Menschen, der bereits von der nationalsozialistischen Ideologie angesteckt war, nicht mehr ankam? Oder war es der Zorn, der auch einmal in Christus aufloderte, als er die Tempelschänder mit Geißelhieben aus dem Hause Gottes heraustrieb? Nun, man soll diese sicherlich unbeherrschte und pädagogisch unkluge Reaktionshandlung nicht dramatisieren. 

Vikar Oberhaus hat bald danach die Familie des Mädchens aufgesucht und den Vorfall in Güte zu klären versucht. Vergeblich. Es kam zur Anzeige. Am 26. Februar 1941 wurde er in "Schutzhaft" genommen und kam zunächst nach Liebenwerda, dann nach Torgau, dann nach Halle an der Saale. 

Am 29. Mai 1941 fand die gerichtliche Verhandlung vor dem Amtsgericht in Elsterwerda statt. Die Anklage lautete auf "Körperverletzung". Daß es aber bei dieser Gerichtsverhandlung eigentlich nicht um eine "Körperverletzung durch eine Ohrfeige" ging, kam in der Urteilsbegründung klar zum Ausdruck: "Das Gericht hat (aber) die Überzeugung erlangt, dass die Schläge (es wurde behauptet, der Vikar habe dem Mädchen zwei Ohrfeigen gegeben) des Angeklagten gar nicht dem Verhalten des Kindes an sich galten, sondern auf die Einstellung des Angeklagten zum BDM und die Teilnahme des Kindes am Jungmädchendienst zurückzuführen ist... In den Schlägen brachte er seine der weltlichen Erziehungseinrichtung feindliche Einstellung zum Ausdruck." Gegen Ende der Urteilsbegründung heißt es dann: "Losgelöst von dem eben erörterten Beweggrunde zur Tat, würde eine geringfügige Geldstrafe eine angemessene Sühne dafür darstellen. Unter Berücksichtigung der Persönlichkeit des Angeklagten, seiner Stellung in der Öffentlichkeit, insbesondere aber seiner staatsfeindlichen Einstellung und der wegen staatsfeindlicher Betätigung erlittenen Vorstrafen, erschien es notwendig, die beiden gleich zu bewertenden Straffälle mit einer empfindlichen Gefängnisstrafe zu ahnden." 

Vikar Wilhelm Oberhaus wurde zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt. Pfarrer Karl Josef Eckardt, ein geistlicher Mitbruder von Vikar Oberhaus, war bei der Gerichtsverhandlung zugegen. Er berichtet: "Der Ankläger - willfähriges Werkzeug der herrschenden Gewalt - machte die Handlung des Vikars zu einem Kapital- und Staatsverbrechen, weil das Mädchen beim Empfang der Ohrfeigen "Hitlers Kleid", also die BDM-Uniform trug. Der Staatsanwalt rief aus: "Damit hat der Hetzpriester Oberhaus die nationalsozialistischen Embleme geschändet und den Führer und die Partei beleidigt." 

Wilhelm Oberhaus verbüßte seine Gefängnisstrafe - unter Anrechnung der "Schutzhaft" - in der Strafanstalt Halle/Saale. Als er am 26. August 1941 entlassen werden sollte, wartete seine Schwester Elfriede an der Gefängnispforte, um ihn in Empfang zu nehmen. Vergeblich! Sie erhielt die niederschmetternde Auskunft, die Gestapo habe ihn in "Schutzhaft" genommen. Wohin er gebracht wurde, war nicht zu erfahren. Aber es wurde immer deutlicher: Wilhelm Oberhaus wird den Klauen der Gestapo nicht mehr entrinnen! Und so kam es auch. Am 10. Oktober 1941 wurde Wilhelm Oberhaus in das KZ (Konzentrationslager) Dachau eingeliefert. Vor seinem Abtransport kam es noch zu einer kurzen Begegnung mit Pfarrer Eckardt, der die letzten Worte des Verurteilten notierte: "Ich gehe den Weg, den Gott mir diktiert, mehr tue ich nicht! Betet für mich, dass Gottes Wille an mir geschehe und sein Reich - auch in Ungerechtigkeiten - sich weiter mehre!" 

Der Ungeist des Nationalsozialismus 

Bevor wir das Schicksal von Wilhelm Oberhaus weiter verfolgen, soll in kurzen Zügen der Ungeist und das verbrecherische Handeln des damals herrschenden Nationalsozialismus aufgezeigt werden. 

Die Irrlehre des Nationalsozialismus, der 1933 zur Macht kam, teilt die Menschen - vgl. dazu Hitlers Buch "Mein Kampf" - in drei Gruppen auf: 

Kulturbringer: die arischen Völker, vor allem die Deutschen, als geborene Herren; 
Kulturträger: die slawischen Völker, vor allem Polen und Russen, als geborene Sklaven, Diener, Mitarbeiter; 
Kulturzerstörer: vor allem die Juden, als geborene Parasiten, die man bekämpfen und vernichten müsse. 

Hitler und seine Vasallen erkannten bald, daß ein Großteil der Deutschen, insbesondere überzeugte Christen, diese Weltanschauung aus innerer Überzeugung nicht teilten. Deshalb galt es, auch diese, zusammen mit den "geborenen Parasiten", zu bekämpfen und ggf. zu liquidieren. Aus der Weltanschauung des Nationalsozialismus entsprangen alle späteren Untaten und Verbrechen des Nazi-Regimes, entbrannte der furchtbare Zweite Weltkrieg; entstanden auch die 

Konzentrationslager (KZ). 

Dachau, das Lager, in das Wilhelm Oberhaus 1941 eingeliefert wurde, entstand als erstes, bereits im Jahr der Machtübernahme durch die NSDAP: 1933. Es wurde bis 1938 voll ausgebaut. Allein im KZ Dachau waren von 1933-1945 206200 registrierte Häftlinge, von denen 31591 durch Mord, Hunger oder Krankheit starben. Darunter auch Wilhelm Oberhaus. Weitere berüchtigte KZ waren Buchenwald, Mauthausen, Bergen-Belsen, Auschwitz und Maidanek. 

Im 6. Band des "Großen Brockhaus" lesen wir unter dem Artikel "Konzentrationslager" u. a. folgendes: "Insassen waren Gegner des Nationalsozialismus, die aufgrund der >Verordnung zum Schutz von Volk und Staat< (28. 2. 1933) willkürlich verhaftet oder in Schutzhaft genommen worden waren ... Im März 1944 gab es 20 KZ mit 165 Arbeitslagern als > Außenlager der KZ< ... Zwangsarbeit unter menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen, Hunger, Seuchen, drakonische Strafen, sadistische Quälereien führten dazu, daß viele Häftlinge unter großen Leiden starben oder schwere gesundheitliche Schäden davontrugen. Zu den Sondereinrichtungen der großen Lager gehörten die Isolierblocks für wissenschaftliche Experimentes die von SS-Ärzten an Menschen durchgeführt wurden, u. a. Fleckfieber-, Malaria-, Höhendruck- und Unterwasser (Unterkühlungs-)-, Sulfonamid- und Sterilisationsversuche ... Im Rahmen der 1941/42 beschlossenen und von R. Heydrich organisierten >Endlösung der Judenfrage< wurden seit 1941 in Polen Vernichtungslager errichtet... In diesen Lagern wurden große Vergasungseinrichtungen (Gaskammern) und Krematorien aufgebaut. Aus den von Deutschland besetzten Gebieten Europas wurden Millionen von Juden in die Vernichtungslager transportiert und dort ermordet. Ihre Gesamtzahl (etwa 4,5 bis etwa 6 Millionen) ist zuverlässig nicht zu ermitteln." 

In Herford gedenken wir insbesondere der 79 Herforder jüdischen Mitbürger, die in KZ ermordet wurden. 

Von 7,2 Millionen politischer Häftlinge überlebten nur 530000 die Diktatur des Nationalsozialismus; und in seiner Brutalität brachte dieses Regime 70000 Geisteskranke um. 

Zu den Gruppen, die von den Nazis wegen der Ablehnung ihrer Ideologie und ihres Widerstandes besonders gehasst und verfolgt wurden, gehörte die Gruppe der katholischen Geistlichen. Allein 8071 Geistliche aus deutschen Bistümern wurden vom Nazi-Regime verfolgt und größtenteils verurteilt und bestraft; das ist ein Drittel des gesamten deutschen Weltklerus und ein Fünftel der deutschen Ordensgeistlichen. 59 deutsche kath. Geistliche wurden nach ihrer Verurteilung hingerichtet, ermordet oder starben an den Folgen der in der Gestapohaft erlittenen Misshandlungen, 418 wurden ins KZ eingewiesen, 110 von ihnen starben dort oder wurden umgebracht. Unter ihnen auch Wilhelm Oberhaus.

Kreuzweg und Tod im Konzentrationslager 

Wilhelm Oberhaus, dessen Lebens- und Leidensweg bis zu seinem Tode wir nunmehr weiter verfolgen wollen, war, wie schon vermerkt wurde, am 10. Oktober 1941 ins Konzentrationslager Dachau eingeliefert worden. In der "Dachauer KZ-Akte Oberhaus" findet sich die Eintragung: "Der Schutzhäftling Oberhaus ist ein Wiederholungszersetzer am Ideengut des Nationalsozialismus; bereits 1936 musste er wegen staatsfeindlicher Hetze als Vikar in Dortmund-Hombruch festgenommen und bestraft werden." Diese Eintragung ist ein deutlicher Hinweis darauf, wie die Lagerführung den neuen Häftling, der seinen guten Namen gegen die Gefangenennummer 27826 eintauschen musste, einschätzte und entsprechend handelte. 

Den letzten Abschnitt seines Kreuzweges hat sein Mithäftling, Pater Maurus Münch OSB, später Subprior der Abtei St. Matthias in Trier, in ergreifender Weise in einem Brief geschildert, den er, nachdem er selbst mit den Überlebenden Mitte 1945 befreit worden war, an den Vater von Wilhelm Oberhaus schrieb: 

Trier, 17. Januar 1946 

Sehr geehrter Herr Oberhaus!

Herzlich gern beantworte ich Ihren Brief vom 5. Januar dieses Jahres. Nehmen Sie zunächst meine innigste Teilnahme an zu all dem Schweren, was Sie im Laufe der Jahre durch die Haft und den allzu frühen Heimgang Ihres guten Sohnes durchmachen mussten. 

Wilhelm kam mit mir am gleichen Tag nach Dachau. Wir trafen uns zu 12 Priestern in Nürnberg am Bahnhof; hatten dank der guten Eisenbahner eine schöne Fahrt im Personenwagen nach Dachau. Hier wurden wir recht übel von der SS empfangen mit Schimpfen und Fußtritten. Wie Vieh eng in einen dunklen Lastwagen gepfercht, fuhren wir vom Bahnhof ins Lager, waren fünf Tage im Zugangsblock mit allen möglichen guten und weniger guten Menschen zusammen.... Am Fest der Mutterschaft Mariens, 2. Oktober 1941, kamen wir auf den Priesterblock und hatten hier die Freude, täglich der hl. Messe beiwohnen zu können. Zelebrieren konnten Ihr Ib. Sohn und ich damals nie. ... Der Winter 1941/42 war bitterkalt. Wir waren schlecht gekleidet und schwach genährt. Stundenlang standen wir täglich auf dem Appellplatz und froren dabei fürchterlich. Auch mussten wir damals viel Schnee schippen und den Schnee auf Türplatten wegtragen. Willy war aber immer guter Dinge und uns allen ein lieber Kamerad. Bald gründete ich einen Abendzirkel, wobei wir gemeinsam die Briefe des hl. Petrus und dann die Paulusbriefe lasen und exegesierten. Auch suchten wir gemeinsam in die hl. Liturgie tiefer einzudringen. Das ging so bis Anfang März 42. Da bekamen wir einen neuen Lagerführer, Hoffmann mit Namen, im Zivilberuf Metzgerbursche, ein Sadist, der uns Priester hasste. Bald wurde die Kost immer magerer - es begann der bittere Hunger. Er zwang die abgemagerten Geistlichen zur Arbeit in der Plantage. Hier machte Wilhelm ein furchtbares Martyrium durch. Lang war die Arbeit, von morgens 5.00 bis abends 7.00 Uhr. Streng und brutal die Aufsicht. Was aber schlimmer war: Frühjahr und Sommer waren kalt und nass. Man musste bei Wind und Wetter draußen sein in den dünnen, nassen Häftlingskleidern. Dazu die Unterernährung. Das führte zu Hungerruhr; Beine und Glieder schwollen an, weil das Herz den Blutkreislauf nicht mehr regeln konnte, und so waren die Leute furchtbar vom Wasser entstellt. Ihr Sohn machte in diesem Sommer ein furchtbares Martyrium durch. Lange kämpfte er mit der Hungerruhr. Als Heilmittel gab es nur einfache Kohle; sonst nichts. Dann kamen die Herzschwächen und die Phlegmone an den Beinen, die ein einziger roher Eiterbrand waren. Lange Zeit war sein Gesicht so dick angeschwollen, dass man ihn kaum noch erkannte. Fast vier Wochen weilte er noch im Block unter uns, ein vom Tode gezeichneter Mann! Was sollte er tun? Man riet ihm, ins Revier zu gehen. Doch das war ein Wagnis, da man nicht wusste, wieweit man da durch Spritzen noch schneller dem Tod ausgeliefert würde. Dann machte man im Revier mit den Kranken so schauderhafte Versuche und brachte so viele kranke Leute in den berüchtigten Invalidentransporten zur Vergasung nach Auschwitz, so dass unsere Confratres lieber bei uns auf dem elenden Block im Kreise der Mitbrüder sterben wollten als all diesen anderen Dingen ausgeliefert zu werden. So war Willy in größter Not, wochenlang. Aber ich habe mich täglich neu an ihm erbaut. Kein Wort der Klage kam über seine Lippen. Er bewahrte die Haltung als Mensch und als Priester bis zum äußersten. Man sah ihm an, dass er bewusst dem Heiland sein Leben zum Opfer gebracht hatte. Oft sagte er: "Das ist zwar furchtbar, was wir hier durchmachen müssen, aber es ist nicht umsonst. Hier sind wir erst recht Seelsorger, denn wir tragen ja alles für unsere Kirche und die uns anvertrauten Seelen. Christus hat die Welt durch sein Leiden und Sterben erlöst, nicht durch Predigen und Wunderwirken. So wird auch unser Leiden und Sterben für manchen Menschen bei Gott die Erlösungsgnade erflehen." Dieser heroische Starkmut Ihres Ib. Sohnes hat mich immer tieferschüttert! Sehen Sie, lieber Herr Oberhaus, so gehen Heilige in den Tod.  W. Oberhaus Kreuz
Und dann kam das Sterben. Wilhelms Schwächezustand wurde immer elender. Schließlich mußte er doch ins Revier. Er nahm Abschied von uns allen, Abschied für immer! Doch eines konnten wir ihm noch mitgeben: Weil im Krankenrevier damals noch gar keine religiöse Betreuung möglich war, ging Wilhelm zur Kapelle, empfing dort die hl. Beichte und seine letzte hl. Kommunion. Dann spendete ihm ein Mitbruder dort vor dem Altare die hl. Ölung, zum Tröste, zur Sündenvergebung, zur Stärkung für den großen Weg, der vor ihm lag. Wie ein Kriegsheld der Antike ging er nun, gestärkt und gesalbt mit Kraft von oben, von lieben Mitbrüdern treu geleitet, von uns fort ins Revier. Schon am folgenden Tag kam die Kunde von seinem Tode. Einsam, nur mit seinem Gott allein, ist er still entschlafen, ein Opfer des Hungers und moderner Brutalität. Ich habe keinen Grund anzunehmen, dass man ihn gewaltsam getötet hat; in den Monaten Juli, August und September haben wir viele Ib. Confratres verloren, die auf gleiche Weise hinüberschlummerten wie Ihr Ib. Sohn. Sie alle waren körperlich völlig entkräftet, hielten sich mit Gewalt aufrecht bis zum letzten und schlummerten dann sehr bald hinüber, wenn sie ins Revier kamen. 

Am Tage nach seinem Hinscheiden hielten wir in unserer Kapelle für Wilhelm ein Requiem, morgens früh um 4.45 Uhr. Singen konnten wir nicht, da wir alle zu schwach waren. Wir hätten es auch nicht gedurft. Nach dem Requiem hielt ein Confrater Ihrem Sohn ein kurzes warmes Gedenkwort - und dann blickten wir auf zu dem lieben Bekenner, grüßten ihn, der nun in der Glorie des Himmels ausruhen durfte von allem Leid; wir beneideten ihn um seine Freiheit aus Haft und Ketten, denn wir mussten uns immer fragen, welch schreckliches Geschick wird uns selbst noch bevorstehen. 

Fast ein Jahr war ich so mit Ihrem Ib. Sohn zusammen, teilte mit ihm die gleiche Stube und Schlafgemach. Ich habe ihn nie vergessen und bete zu ihm, nicht für ihn! Sagen Sie bitte Ihrer Familie und vor allem seiner Pfarrgemeinde, sie könnten stolz auf diesen Priester sein. Er ist wirklich als ein Heiliger, als ein Märtyrer für Christus und sein Reich gestorben. Und dies, mein teuerer Herr Oberhaus, muß Ihnen stolzer Trost sein in allem furchtbaren Leid! 

Von den 12 Priestern, die mit Wilhelm und mir nach Dachau kamen, sind sieben dort gestorben, einer wurde entlassen, nur vier durften die Heimat wieder sehen. So war Dachau: Himmel und Hölle! Hölle ob all des Satanischen, das sich dort austobte; Himmel, denn Dachau war auch voll tiefen Glaubensgeistes und heroischer Selbsthingabe an Gott und Gottes heiligem Willen. Dachau hat Tausende von Heiligen dem Himmel geschenkt. So hat in Dachau letzten Endes doch der Himmel gesiegt. Und so wird Dachau trotz all des Furchtbaren doch einmal im Buch des Himmels mit goldenen Lettern geschrieben stehen. 

Nehmen Sie, verehrter Herr Oberhaus, innigen Gruß und das Versprechen, Ihrer und Ihres teuren Sohnes in treuem Gebet am Altare zu gedenken, von Ihrem in Christus erg. 

gez. P. Maurus Münch O.S.B. 

Subprior der Abtei St. Matthias 

 

Wilhelm Oberhaus starb am 20. September 1942, nach Mitteilung der Lagerleitung um 9.20 Uhr. Über seinen Tod erhielt sein Vater folgende Mitteilung des Lagerführers; ein Dokument der Lüge und Heuchelei, wenn wir uns daran erinnern, wie, nach dem Bericht des Paters Maurus Münch, Wilhelm Oberhaus wirklich gestorben ist. 

 

Dachau 3 K, den 25. September 1942 

Sehr geehrter Herr Oberhaus! 

Ihr Sohn Wilhelm Oberhaus, geb.31.1.1902 zu Herford, meldete sich am 13.9.1942 krank und wurde daraufhin unter Aufnahme im Krankenbau in ärztliche Behandlung genommen. Es wurde ihm die bestmögliche medikamentöse und pflegerische Behandlung zuteil. Trotz ärztlicher Bemühungen gelang es nicht, der Krankheit Herr zu werden. 

Ich spreche Ihnen zu diesem Verlust mein Beileid aus. 

Ihr Sohn hat keine letzten Wünsche geäußert. 

Ich habe die Gefangenen-Eigentumsverwaltung meines Lagers angewiesen, den Nachlaß an Ihre Anschrift zu senden. 

 

gez. Unterschrift 

SS-Sturmbannführer 

 

Am 24. September wurde Wilhelm Oberhaus im Krematorium von Dachau eingeäschert. Die Urne wurde dem Vater übersandt. 

Ehrenvolles Begräbnis in Herford 


Gruft der Familie OberhausSein Vater ließ die Urne in einen großen Eichensarg stellen. Die Beerdigung fand am 24. Oktober 1942 statt. Nach einem feierlichen Gedenkgottesdienst in der Pfarrkirche begleiteten 50 Priester, die gesamte Pfarrerschaft der evangelischen Brudergemeinden aus Herford und eine fast unübersehbare Schar katholischer und evangelischer Bürger der Stadt den Trauerzug zum Friedhof an der Hermannstraße in Herford, wo der Sarg in der Gruft der Familie Oberhaus, unter dem Segen des Paderborner Generalvikars Rintelen, beigesetzt wurde. Die Beerdigung war, nach einem Wort des Generalvikars, zugleich eine Protestversammlung gegen das nationalsozialistische Unrecht und Ausdruck eines dankbaren Respektes der Herforder vor einem großen Sohn ihrer Stadt. 

Wir halten sein Andenken in Ehren 

Märtyrer Sebastian Ein Schulkamerad und Freund von Wilhelm Oberhaus, Dr. Johann Lampart, stiftete 1951, zum Gedächtnis an den Verstorbenen, der Pfarrkirche St. Johannes-Baptist ein großes Ölgemälde, das den von Pfeilen getroffenen Märtyrer Sebastian darstellt, ein Vorbild für den verfolgten, gequälten und ermordeten Priester Wilhelm Oberhaus.Das Bild hängt in der Kirche an der Komturstraße. 

 

 

 

 

 

 

Als ein kostbares Andenken an Wilhelm Oberhaus hängt im Maltesersaal seiner Heimatgemeinde das große, eindrucksvolle Holzkreuz, unter dem der Verstorbene in seiner Wohnung gebetet und gearbeitet hat. 

Wilhelm-Oberhaus-SchuleAm 18. September 1987 wurde auf Beschluss des Rates der Stadt Herford die Städtische Kath. Grundschule am Wilhelmsplatz in "Wilhelm-Oberhaus-Schule" umbenannt. Ein eindrucksvoller Beweis für die Wertschätzung, die die Stadt Herford einem ihrer vorbildlichen Söhne entgegenbringt.

 

 

 

„Stolperstein“
vor dem Geburtshaus von Wilhelm Oberhaus
an der Veilchenstraße 12 in Herford.

 

 

 

 

 

Foto Ute Pahmeyer

 

 

Weitere Informationen:

St Clemens in Dortmund-Hombruch  Gemeinde in der Vikar Oberhaus tätig war.

 

 

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  Stand: 11 February, 2016