Pastoralverbund Herford

Mathilde
Brücke zwischen Quedlinburg und Herford

Es war eine unglaubliche Zeit, plötzlich waren in Deutschland 1989 die Grenzen offen. Dieses Ereignis kann man nicht hoch genug bewerten. Die Luft roch noch nach Braunkohle, und am nächsten Morgen war der Nebel nicht nur dicht sondern grüngelb. "Bitte nicht die Fenster öffnen", sagte Pfarrer Kabath. Quedlinburg litt unter Smog in diesen Tagen des Jahres 1990.

Die Gemeinde St. Johannes Baptist und die Stadt bemühten sich, Kontakte zu Quedlinburg zu bekommen. Die Telefone waren dem Ansturm nicht gewachsen, es war kein Durchkommen nach Osten. Unser Mittelsmann in dieser Zeit war ein Banker, der in einem schnell aufgestellten Container eine Bankfiliale in Quedlinburg eröffnet hatte. Er kam freitags nach Herford und fuhr sonntags zurück. Er machte Botendienste, wodurch dann auch die Stadt Herford Kontakte nach Quedlinburg knüpfen konnte. Eine spannende Zeit, unsere Fahrten führten an der Grenze über eine Behelfsbrücke, die Grenze war deutlich sichtbar, die Freude über Kontakte riesengroß.

Die Herforder waren überwältigt von der Gastfreundschaft, welch herrliche Kuchen und Torten, dazu der Basar im Pfarrheim mit liebevoll gestalteten Karten, Kerzen und anderen Dingen! Unbeschreiblich wie liebevoll die Brote belegt worden waren.

Im April 1990 kamen die Quedlinburger auch zu einem zweitägigen Gegenbesuch nach Herford. Der Sturm auf den Kleiderladen in Herford gehörte dazu. Beim ersten Besuch der Quedlinburger in Herford war der Bedarf noch groß.

Die Quedlinburger kamen einige Jahre mit dem Bus zu Fronleichnam. Ich hatte den Eindruck, sie haben es genossen, in größerer Katholikenzahl dieses Fest mitfeiern zu können. Viele Erwachsene, auch Ältere, sagten danach: Dies war meine erste große Fronleichnamsprozession in meinem Leben. Aus dieser Zeit ist der Besuch des Quedlinburger Pfarrers zumeist mit zwei bis drei Gemeindemitgliedern zum festen Ritual am Fronleichnamsfest in Herford geblieben. Beim Besuch einer Gruppe aus Quedlinburg zum Pfarrfest in Herford im Jahre 1998 erhielten die Gäste ein Messgewand des Paramentenkreises, das auf der einen Seite die Brautwerbung Heinrichs in Herford zeigt und auf der anderen Seite die Heilige Mathilde beim Verteilen von Brot.

Wenn es im Gegenzug von Herford nach Quedlinburg ging, dann war die Parole: "Zieht Euch warm an!" Seit langem war es üblich, in der Krypta der Stiftskirche einen Wortgottesdienst am Mathildentag zu feiern. Wir Herforder waren ahnungslos als wir in Herforder Zeitungen veröffentlichten, dass es eine Eucharistiefeier in der Stiftskirche gebe. Es kam zu großer Aufregung im evangelischen Presbyterium, und schließlich genehmigte man nach langen Beratungen eine Heilige Messe in der evangelischen Stiftskirche. So ist es bis heute geblieben. Am 04.03.1990 schrieb Pfarrer Kabath: "Wie die Antwort des Presbyteriums nun ausfällt, ist egal. Aber es ist klar, dass wir auf jeden Fall die Messe feiern müssen, wenn das evangelische Presbyterium zustimmen sollte." So kamen wir nicht umhin, dass am 14.03.1990 die schon geplante Eucharistiefeier am Morgen in St. Mathilde gefeiert wurde. Aufgrund der Genehmigung des Presbyteriums wurde dann am Mathildentag 1990 eine zweite Heilige Messe in der Stiftskirche gefeiert. Seitdem gibt es jedes Jahr die Mathildenmesse am Grab der Heiligen. Die Stiftskirche wird uns auf jeden Fall wegen der Kälte in Erinnerung bleiben.

Das beste Hotel gleich nach der Wende war das ehemalige Kasino der Russen an der Stadtmauer. Das Mittagessen bezahlte Pfarrer Kabath noch in DDR-Mark. Weiter schreibt er: "Essen braucht Ihr nicht mitzubringen, wenn Ihr mit dem zufrieden seid, was wir Euch anbieten können." Auf der Hinfahrt gehörte immer die Kaffeepause an der Autobahn mit Quarkteigbrötchen dazu, die wir Mathildenbrötchen tauften.

Die Pfarrer an St. Mathilde haben im Gegensatz zu Herford drei Mal gewechselt, dagegen blieb Bischof Leo Nowak ein relativ konstanter Gast des Mathildentages. Wir verbanden unsere Fahrt zum Mathildentag jedes Mal mit einem Ziel. Es sei einmal im Nebensatz gesagt, dass es eigentlich erstaunlich ist, dass der Bus immer wieder in fast zwanzig Jahren bis auf den letzten Platz gefüllt war. Wir besuchten im Laufe der Jahre auf der Hinfahrt u. a. die Hysburg, Halberstadt, Nordhausen, Bad Gandersheim, Hadmersleben, Wernigerode, die Rosstrappe, den Regenstein, Gernrode, das Kloster Hedersleben und die Rübeländer Tropfsteinhöhle. So wurde uns Quedlinburg und der Südharz vertraut.

In Thale gibt es einen hervorragenden Koch, bei dem wir in den letzten Jahren zum Mittagessen eingekehrt sind und der ein Geheimrezept für eine Suppe hat. Vielleicht könnte man sie germanisch-eurasischen Eintopf nennen. Das Geheimrezept wird nicht verraten. Man kann es sogar mit Sauerkraut verfeinern. Der Koch und Seelentröster Wolfgang Janotta führt nach dem Mittagessen jedes Mal erstaunte Besucher durch sein Pfarrhaus. Die einen staunen über die Fülle der gesammelten Sachen, andere – besonders Frauen – rufen aus: Gut, dass ich hier keinen Staub wischen muss! Ich erinnere mich an viele liebe Menschen, gerade aus dem bewährten Küchenteam am Neuendorf, die uns jahrelang bewirtet haben, und die vom Herrgott heimgerufen wurden. Ihnen sei nachträglich nochmals Dank gesagt.

Zum Programm gehört immer noch die Stadtführung. Wer öfter mitgefahren ist, der macht sich auf eigene Faust in die Stadt auf. Man erinnert sich an die Fachwerkgerippe aus den neunziger Jahren, wo man durchs Dach in den Himmel schauen konnte und ist begeistert, was in diesen Jahren renoviert, restauriert oder wieder aufgebaut worden ist. Jahr für Jahr war es handgreiflich zu sehen, wie schön Quedlinburg wurde. Es gibt für mich jedes Jahr wieder neue Entdeckungen, so z. B. beim letzten Besuch die Ausgrabungen am Nonnenberg.

Eindrucksvoll ist die Messe in der Stiftskirche, nicht nur wegen des guten Chorgesangs und der Musik. Eindrucksvoll ist auch die Temperatur. Wer sich nicht mit allen verfügbaren wollenen Textilien ausrüstet, der ist verloren. Schön, dass in ökumenischer Verbundenheit evangelische Geistliche mit dabei sind.

Viele Wessis haben beim Besuch der Quedlinburger Schatzkammer zum ersten Mal eine Ahnung davon bekommen, welche Kulturschätze, besonders aus der Romanik, sich in den neuen Bundesländern befinden. In der Stiftskirche hatte die Gemeinde sich in DDR-Zeiten die Führungen gesichert und nutzte sie zur katechetischen Arbeit gerade für Schulklassen. Ein tolles Projekt im Atheismus!

Beim herrlichen Abendbrot herrschte an sich immer gute Stimmung. In einem Jahr allerdings hatte Wolfgang Janotta aus Thale seine Body-Guards mitgebracht, eine Schar älterer Damen mit Regenschirmen bewaffnet, die Bischof Nowak umstellten, um ihm zu sagen, dass sie in ihrer Kirche bis aufs Blut für den alten neugotischen und gegen einen modernen Kreuzweg kämpfen würden. Der Bischof konnte sich mit Mühe und Not der Damen erwehren.

Es ist eigentümlich, dass wir nie einen Freundschaftsvertrag ausgehandelt haben und doch bis jetzt mit ganzem Herzen und großem gegenseitigen Gewinn die Kontakte gehalten haben, die die politische Ebene so nicht geschafft hat. Mathilde verbindet unsere Städte und Gemeinden.

Im November 2006 war Pfarrer Christoph Tretschok mit einer Gruppe Messdiener hier. Wir haben überlegt, wie wir den Stab an die kommende Generation weitergeben, damit diese Kontakte nicht einschlafen. Das wäre sehr schade! Ich habe die Hoffnung, dass Firmlinge des Jahres 2007 Quedlinburg ansteuern werden und damit neue Kontakte mit der jungen Generation knüpfen.

Ich danke der Gemeinde St. Mathilde und vielen Quedlinburgern für die Freundschaftskontakte seit achtzehn Jahren. Es war eine große Bereicherung für uns. Heilige waren immer Brückenbauer. Mathilde verbindet uns auch weiterhin. Dank für Alles!

Udo Tielking